Warum Optionen im Mittel etwas zu teuer sind, wann sich das umkehrt und was das für Stillhalter und 0DTE heißt.
Optionspreise enthalten eine Erwartung: wie stark der Markt in Zukunft schwanken wird. Diese implizite Volatilität liegt im langjährigen Mittel meist über der Schwankung, die danach tatsächlich eintritt. Die Differenz heißt Volatilitätsprämie. Sie ist der Grund, warum Stillhalterstrategien auf lange Sicht funktionieren können – und sie verschwindet genau dann, wenn es weh tut.
| Implizite Volatilität (IV) | Tatsächliche (realisierte) Volatilität | |
|---|---|---|
| Blickrichtung | nach vorn – Erwartung des Marktes | nach hinten – was wirklich passiert ist |
| Quelle | aus Optionspreisen zurückgerechnet | aus den Kursbewegungen berechnet |
| Bekanntes Maß | VIX (30 Tage, S&P 500) | Standardabweichung der Tagesrenditen, aufs Jahr hochgerechnet |
Die tatsächliche Volatilität berechnet man aus den täglichen Kursveränderungen, etwa der letzten 20 Handelstage: Standardabweichung der Tagesrenditen mal √252. Ein Wert von 15 % entspricht durchschnittlichen Tagesbewegungen von knapp einem Prozent.
Über viele Jahre lag die implizite Volatilität des S&P 500 meist einige Prozentpunkte über der Schwankung, die in der Folgezeit tatsächlich eintrat. Optionen waren also im Mittel etwas „zu teuer“ – gemessen an dem, was später passierte.
Das ist kein Fehler des Marktes. Käufer von Optionen, vor allem von Puts, zahlen für Absicherung. Verkäufer übernehmen dafür ein Risiko, das selten eintritt, aber dann heftig. Die Prämie ist der Lohn für dieses Risiko – ähnlich wie bei einer Versicherung.
Schematische Darstellung: Meist liegt die implizite Volatilität über der tatsächlichen Schwankung. Im Schock kehrt sich das um. Keine Marktdaten.
In ruhigen Phasen verdienen Stillhalter die Prämie in vielen kleinen Schritten. In einem Schock steigt die tatsächliche Schwankung plötzlich über die implizite – der Markt bewegt sich stärker, als die Optionspreise eingepreist hatten. Bekannte Beispiele sind der Volatilitätsschock im Februar 2018 und der Corona-Crash im März 2020.
Genau dann entstehen die großen Verluste: Die verkauften Optionen geraten ins Geld, gleichzeitig steigt die implizite Volatilität und verteuert jede Rückkaufmöglichkeit (Vega-Risiko). Ein Teil der über Monate verdienten Prämie kann in wenigen Tagen verloren gehen.
Deshalb gehören zu jeder Stillhalterstrategie ein begrenztes Risiko je Trade – etwa über Spreads statt nackter Optionen – und eine passende Positionsgröße. Ergänzend können Absicherungen genau in diesen Phasen helfen.
Vor bekannten Terminen – Zinsentscheide der Fed, Inflationsdaten, Arbeitsmarktbericht – steigt die implizite Volatilität der kurzen Laufzeiten. Der Markt preist eine größere Bewegung ein. Nach der Veröffentlichung fällt sie oft schlagartig, auch wenn sich der Kurs kaum bewegt: der Vola-Crush.
Bei 0DTE-Optionen spielt Vega kaum eine Rolle, die Restlaufzeit ist zu kurz. Entscheidend ist der Vergleich zwischen der eingepreisten Tagesbewegung und der Bewegung, die tatsächlich kommt. Den eingepreisten Wert liefert die erwartete Bewegung aus dem Straddle am Morgen.
An ruhigen Tagen bleibt der SPX innerhalb dieser Spanne, die Stillhalterseite verdient. An Tagen mit Nachrichten oder Trendbewegungen läuft er darüber hinaus – genau an diesen Tagen setzen trendfolgende Ansätze wie der Opening Range Breakout an. Mehrere Strategien mit unterschiedlichem Verhalten können sich deshalb ergänzen.
Wie wir Volatilitätsfilter in unseren Regelwerken einsetzen, zeigen wir in den Schulungen auf der Seite Optionsstrategien.
Risikohinweis: Die Beispiele dienen ausschließlich der Erklärung und sind keine Anlageempfehlung. Der Handel mit Optionen ist mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Vergangene Marktverhältnisse sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft.