Implizite und tatsächliche Volatilität

Die Volatilitätsprämie verstehen

 

Warum Optionen im Mittel etwas zu teuer sind, wann sich das umkehrt und was das für Stillhalter und 0DTE heißt.

 

Optionspreise enthalten eine Erwartung: wie stark der Markt in Zukunft schwanken wird. Diese implizite Volatilität liegt im langjährigen Mittel meist über der Schwankung, die danach tatsächlich eintritt. Die Differenz heißt Volatilitätsprämie. Sie ist der Grund, warum Stillhalterstrategien auf lange Sicht funktionieren können – und sie verschwindet genau dann, wenn es weh tut.

Zwei Arten von Volatilität

Implizite Volatilität (IV)Tatsächliche (realisierte) Volatilität
Blickrichtungnach vorn – Erwartung des Marktesnach hinten – was wirklich passiert ist
Quelleaus Optionspreisen zurückgerechnetaus den Kursbewegungen berechnet
Bekanntes MaßVIX (30 Tage, S&P 500)Standardabweichung der Tagesrenditen, aufs Jahr hochgerechnet

Die tatsächliche Volatilität berechnet man aus den täglichen Kursveränderungen, etwa der letzten 20 Handelstage: Standardabweichung der Tagesrenditen mal √252. Ein Wert von 15 % entspricht durchschnittlichen Tagesbewegungen von knapp einem Prozent.

Die Volatilitätsprämie

Über viele Jahre lag die implizite Volatilität des S&P 500 meist einige Prozentpunkte über der Schwankung, die in der Folgezeit tatsächlich eintrat. Optionen waren also im Mittel etwas „zu teuer“ – gemessen an dem, was später passierte.

Das ist kein Fehler des Marktes. Käufer von Optionen, vor allem von Puts, zahlen für Absicherung. Verkäufer übernehmen dafür ein Risiko, das selten eintritt, aber dann heftig. Die Prämie ist der Lohn für dieses Risiko – ähnlich wie bei einer Versicherung.

10 % 20 % 30 % 40 % Jan Apr Jul Okt Dez Schock:tatsächliche Schwankunghöher als erwartet Implizite Volatilität (Optionspreise) Tatsächliche Schwankung danach Handelstage → Volatilität p. a.

Schematische Darstellung: Meist liegt die implizite Volatilität über der tatsächlichen Schwankung. Im Schock kehrt sich das um. Keine Marktdaten.

Merke: Die Volatilitätsprämie ist ein Durchschnittswert über lange Zeiträume. Sie sagt nichts darüber, ob der nächste Trade gewinnt.

Wenn die Prämie kippt

In ruhigen Phasen verdienen Stillhalter die Prämie in vielen kleinen Schritten. In einem Schock steigt die tatsächliche Schwankung plötzlich über die implizite – der Markt bewegt sich stärker, als die Optionspreise eingepreist hatten. Bekannte Beispiele sind der Volatilitätsschock im Februar 2018 und der Corona-Crash im März 2020.

Genau dann entstehen die großen Verluste: Die verkauften Optionen geraten ins Geld, gleichzeitig steigt die implizite Volatilität und verteuert jede Rückkaufmöglichkeit (Vega-Risiko). Ein Teil der über Monate verdienten Prämie kann in wenigen Tagen verloren gehen.

Deshalb gehören zu jeder Stillhalterstrategie ein begrenztes Risiko je Trade – etwa über Spreads statt nackter Optionen – und eine passende Positionsgröße. Ergänzend können Absicherungen genau in diesen Phasen helfen.

Ereignisse und der Vola-Crush

Vor bekannten Terminen – Zinsentscheide der Fed, Inflationsdaten, Arbeitsmarktbericht – steigt die implizite Volatilität der kurzen Laufzeiten. Der Markt preist eine größere Bewegung ein. Nach der Veröffentlichung fällt sie oft schlagartig, auch wenn sich der Kurs kaum bewegt: der Vola-Crush.

  • Für Verkäufer kann die erhöhte Prämie vor dem Termin attraktiv wirken – sie bezahlt aber eine reale Möglichkeit großer Bewegungen.
  • Für Käufer heißt das: Wer vor dem Termin Optionen kauft, braucht eine Bewegung, die größer ist als die bereits eingepreiste, sonst verliert die Option trotz richtiger Richtung an Wert.
  • Für Calendar Spreads ist der Crush besonders spürbar, weil die gekaufte längere Laufzeit an Wert verliert – mehr dazu beim Double Calendar.

Was das für 0DTE heißt

Bei 0DTE-Optionen spielt Vega kaum eine Rolle, die Restlaufzeit ist zu kurz. Entscheidend ist der Vergleich zwischen der eingepreisten Tagesbewegung und der Bewegung, die tatsächlich kommt. Den eingepreisten Wert liefert die erwartete Bewegung aus dem Straddle am Morgen.

An ruhigen Tagen bleibt der SPX innerhalb dieser Spanne, die Stillhalterseite verdient. An Tagen mit Nachrichten oder Trendbewegungen läuft er darüber hinaus – genau an diesen Tagen setzen trendfolgende Ansätze wie der Opening Range Breakout an. Mehrere Strategien mit unterschiedlichem Verhalten können sich deshalb ergänzen.

Volatilität in der Praxis einordnen

  • IV und tatsächliche Schwankung vergleichen. Liegt die implizite Volatilität deutlich über der Schwankung der letzten Wochen, sind Optionen relativ teuer – liegt sie darunter, relativ günstig.
  • Die Terminstruktur beachten. Steigt die kurze Laufzeit über die lange, ist der Markt unter Stress. Der VIX und seine Terminstruktur zeigen das auf einen Blick.
  • Den Kalender kennen. Wichtige Termine stehen vorher fest. Wer weiß, wann sie kommen, kann Positionen bewusst eröffnen, verkleinern oder aussetzen.
  • Nicht auf die Prämie allein schauen. Eine hohe Prämie ist fast immer der Preis für ein höheres Risiko, nicht eine verpasste Gelegenheit des Marktes.

Wie wir Volatilitätsfilter in unseren Regelwerken einsetzen, zeigen wir in den Schulungen auf der Seite Optionsstrategien.

Risikohinweis: Die Beispiele dienen ausschließlich der Erklärung und sind keine Anlageempfehlung. Der Handel mit Optionen ist mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Vergangene Marktverhältnisse sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft.